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„Ethno...was?!“
Eine Innenansicht der Ethnologie
von Jürgen Graeff, Roman Wettscherek und Maren Kopper
Die Abteilung für Ethnologie des Asien-Orient-Institutes, verdächtigt als Heimat eines jener exotischen Orchideenfächer, dessen Studium suizidalen Tendenzen des unglücklich Verirrten gleichgesetzt wird, befindet sich hoch über den Dächern Tübingens in den Gemäuern des alt-ehrwürdigen Tübinger Schlosses – dem Zielpunkt all jener unterirdischen Fluchtwege der Universitätsstadt.
Welch’ Geist treibt sich dort um, welcher Religion haben sich diese Wagemutigen, der öffentlichen Meinung nach als „nicht-karriere-fähig“ Gebrandmarkten verschrieben? Ist man verrückt, wenn man sich dem Studium der Ethnologie verschreibt? Seit jeher sind es jedoch gerade nicht fabulierende Phrasendrescher gewesen, die der Ethnologie ihr Gesicht gegeben haben. Ein hoher Grad an akribischer Feinarbeit und wissenschaftlicher Hingabe bestimmt im Pendel aus Empirie und Theorie die Arbeit der Ethnologen. Ob im Feld oder am Schreibtisch, beim häufigen Schmökern in verschiedenster Literatur oder in der Aufbereitung selbst erhobener Daten - die Lust am Erkenntnisgewinn ist die Triebfeder jeder wissenschaftlichen Forschung.
Dabei ist es der Mensch selbst, dem als Ursache und Übel dieser akademischen Disziplin das Erkenntnisinteresse gilt. Ein Hinweis darauf findet sich im englisch-sprachigen Pendant zur Ethnologie (gr. ethne = Völker, logos = Lehre), der cultural anthropology, deren Bezeichnung sich vom griechischen anthropos, eben dem Mensch, herleitet. Demnach ist die Ethnologie diejenige Wissenschaft, welche sich explizit dem Menschen als kulturschaffendem Individuum widmet. Dabei versucht sie, dem qualitativen Paradigma entsprechend, im Rahmen der Feldforschung Hypothesen über den möglichen Zusammenhang sozialer Phänomene zu entwickeln und diese anhand empirisch erhobener Daten zu überprüfen.
Eine lineare Geschichte der Ethnologie zeichnen zu wollen ist schwierig oder schlicht unmöglich, da es immer die Vielfalt der theoretischen Ansätze war, die den Kanon der Ethnologen ausgezeichnet hat. Wenn etwa Henrik Ibsen davon spricht, dass jeglicher Fortschritt nichts anderes als „ein Taumeln von einem Irrtum in den anderen“ sei, so trifft er damit den Kern der intradisziplinären Entwicklung der Ethnologie.
"...ein Taumeln von einem Irrtum in den anderen..."
Möchte man den Wandel der Ethnologie auf einfache Art und Weise skizzieren, so lässt sich dies wohl am ehesten mithilfe des Forschungsgegenstandes selbst bewerkstelligen. Standen in der Vergangenheit jene, oft „einfach“ genannten, indigenen Gesellschaften außerhalb Europas im Zentrum des Forschungsinteresses, so hat sich der Forschungsgegenstand heute erweitert: Es ist nicht mehr die Untersuchung von „Naturvölkern“ oder den „Wilden und Primitiven“ mit der Zielrichtung, eine stufenartige Entwicklung der gesamten Menschheit im Sinne des Evolutionismus darzulegen. Vielmehr hat sich, unter anderem im Zuge der zunehmenden Auseinandersetzung mit vielfältigen gesellschaftlichen Prozessen weltweit, eine europäische Ethnologie als kulturwissenschaftliche Disziplin etabliert, deren Gegenstand nicht mehr das ferne Fremde, sondern das vertraute „Fremde“ der eigenen Gesellschaft ist. Sie richtet ihren Blick auf die kulturellen Äußerungen breiter Bevölkerungsschichten; Bezugspunkte bilden dabei die vielgestaltigen, alltäglichen Lebens- und Erfahrungsräume in Vergangenheit und Gegenwart. Ihre Untersuchungsgegenstände findet die Ethnologie in mündlichen, literarischen und visuellen Überlieferungsformen, in Verhaltensweisen, Handlungsabläufen und Vorstellungswelten, in gruppengebundenem Leben, „in überlieferten Ordnungen“ und in Sachgütern. Dabei arbeitet sie, wie diese Auflistung der Kategorien zeigt, mit einem erweiterten Kulturbegriff: Es geht um das Kulturschaffen als spezifisch menschliche Fähigkeit der Lebensweltgestaltung, die sich in bestimmten Handlungsmustern und deren Ding- und Symbolproduktion ausdrückt.
Der beschriebene Wandel der europäischen Ethnologie bedeutet eine zusätzliche Fokussierung auf die wissenschaftliche Untersuchung des Eigenen, begreift das Selbst und seine Kultur nicht als eine Einheit, welche anhand von Kontrastierungen mit dem Fremden weitere Beleuchtung erfährt; nicht der Vergleich führt zu Erkenntnis, sondern der genaue Blick auf die Lebenswelten der einzelnen Individuen. Gesellschaftspolitische Bedeutung erfährt die Ethnologie vor allem dadurch, dass sie fortlaufend aktuelle Expertisen für interkulturelles Lernen und ein verändertes Kulturverständnis liefert.
Das Ritual als Untersuchungsgegenstand
Diese Neuausrichtung kann anhand kulturwissenschaftlicher Ansätze selten hinterfragte Alltagselemente einer neuerlichen Evaluierung unterziehen, wobei an dieser Stelle der Terminus des Rituals von zentraler Bedeutung ist.
Begriffsgeschichtlich handelt es sich beim lateinischen Ausdruck ritus um eine offenbar aus kultischen Kontexten stammende Bezeichnung, die aber bereits in römischer Zeit in einem allgemeineren Sinne verwendet wurde, wenn auch der religiöse Hintergrund präsent blieb. In der sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskussion dominierten daher zunächst Ansätze, die das Ritual auf verschiedene Weise als religiöses Phänomen beschrieben. Im ausgehenden 19. Jahrhundert machte die Ethnologie Ritual, Magie und Mythos der archaischen Gesellschaften zu ihrem Forschungsgegenstand; dass diese als vollständig religiös geprägte Gesellschaften angesehen wurden, galt dabei als ausgemacht - doch bereits die Psychoanalyse Sigmund Freuds schlug einen nichtreligiösen Ritualbegriff vor. Zusammenfassend bleibt heute, bei aller Differenz der vielfältigen Konzeptualisierungen, festzuhalten, dass Rituale gemeinhin als Praktiken gelten, die einen ganz besonderen Typ kollektiver Ordnungsbildungen darstellen, da ihr Vollzug prinzipiell nicht hinterfragbar und alternativlos ist. Ob eine Anwendung verschiedener Ritualkonzepte auf moderne Gesellschaften möglich ist, in denen auch durch Formalität, Rigidität und Repetition gekennzeichnete Praktiken zu beobachten sind, sollte im Forschungsseminar „Riten des Alltags“ am Tübinger Institut für Ethnologie in der Praxis untersucht werden. Untersuchungsgegenstände waren dabei die türkische Hochzeit, der Junggesellen- und Junggesellinnenabschied, die christliche Taufe und die christliche Beerdigung.
Im Folgenden wird beispielhaft das Forschungsergebnis vorgestellt, das die Untersuchung der türkischen Hochzeit ergab.
Bekannt(en)machung – das türkische Hochzeitsritual
Nach dem Zweck eines Hochzeitsrituals zu fragen scheint müßig zu sein, doch die gängigen Antworten entspringen der hierzulande gängigen deutsch-christlichen Prägung: Die Trauung vor Gott, das Feiern der Verbindung zweier Menschen mag Bestandteil unseres Kulturkreises sein, die Funktionalität des türkischen Hochzeitsrituals hingegen ist eine andere. Dies wurde in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung unter Rückgriff auf Arnold van Genneps Theorie der Übergangsriten deutlich.
Zunächst ist festzuhalten, dass im Rahmen dieses Projektes speziell die Hennanacht und die sich daran anschließende Feier als Hochzeitsritual untersucht worden ist. Auf der Basis von 27 Fragen - beispielsweise zu Vorbereitung, Ablauf, Symbolik oder Finanzierung – wurde Material in Form von Interviews und Fragebögen gesammelt. Die Sichtung der erhobenen Daten zeichnete ein verblüffendes Bild der Realität: Da die eigentliche Trauung kein Bestandteil dieses Rituals ist, ließ sich seine Einbettung in einen religiösen Kontext ausschließen. Daraufhin stellte sich die Forschungsfrage neu: Was ist das eigentliche, implizite Ziel dieses türkischen Hochzeitsrituals?
Vergleicht man die Hennanacht, wie sie in verschiedenen regionalen Kontexten der Türkei gefeiert wird, so stolpert man zunächst über die Unterschiede, jedoch lassen sich für die Analyse des Rituals relevante Übereinstimmungen feststellen. Zum einen dauert die Vorbereitung in der Regel sehr lange; die Brautfamilie finanziert und organisiert die Hennanacht, die des Bräutigams die nachfolgende Feier. Dabei ist es von außerordentlicher Bedeutung, eine möglichst große, prächtige und gelungene Feier mit möglichst vielen Gästen auf die Beine zu stellen. Beide Familien zeigen auf diese Weise was sie haben, mehren so ihr soziales Prestige. Da wundert es nicht, dass auch die Geschenke an das Brautpaar öffentlich bekannt gegeben werden. Einen Hinweis auf den eigentlichen Zweck dieser Feierlichkeit findet sich auch in der häufig vorgenommenen Einschätzung, dass es eigentlich nicht das Brautpaar selbst sei, welches im Mittelpunkt stehe – was ein Beobachter der christlich-westlichen Hemisphäre wohl ohne weiteres vermuten würde. Braut und Bräutigam sind an diesem Abend jedoch dazu angehalten sich passiv zu verhalten. Es sind die Familien des Brautpaares, denen dieser Abend gehört, die sich selbst, ob der glücklich zu Ende gegangenen Suche nach der passenden Ehepartnerin oder dem passenden Ehepartner für ihr Kind, feiern lassen.
Ist es nun wirklich der zwischen zwei Individuen geschlossene Bund, der im türkischen Hochzeitsritual gefeiert wird? Nach der Theorie Arnold van Genneps postulieren Übergangsriten (les rites de passage) einen wahrnehmbaren Statuswechsel der Beteiligten. Unsere Informanten bescheinigten aber einhellig, dass sich ein solcher erst mit dem ersten Kind manifestiere.
Eine weitergehende Analyse der Daten brachte folgende Punkte zu Tage, die die geschilderte Sicht der Hennanacht stützen. Wie bereits erwähnt, ist die Partnerwahl keinesfalls eine ausschließlich individuelle Entscheidung der Eheleute selbst. Ein tadelloser Ruf öffnet die Türen vieler Familien, wobei Status ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Schlechtes Ansehen eines Kandidaten oder einer Kandidatin fällt unweigerlich auf die eigene Familie zurück und öffnet bösen Stimmen Tür und Tor. Die Berücksichtigung dieser (kontrollierenden) Öffentlichkeit und damit verbunden die öffentliche Inszenierung der aus vielen kleineren Ritualen bestehenden Eheschließung ist von konstituierender Bedeutung. So werden möglichst viele Gäste geladen, man fährt in langen Konvois hupend durch die Straßen, verhinderte Gäste werden im Nachhinein mit Videoaufnahmen über den Verlauf der Feierlichkeiten informiert - kurz, es geht darum, möglichst viele Menschen über das Ereignis zu unterrichten, es in die Öffentlichkeit zu tragen. Denn eine gelungene Hochzeit gilt einvernehmlich als Zeichen für den Wohlstand der Familien, die ihr Ansehen dadurch wahren oder mehren können; es sind die Familien, denen nicht zuletzt die Eheleute durch ihre Passivität im Rahmen der Hennanacht huldigen. Diese lässt die Trauer der einen Familie über den Weggang der Tochter zur gemeinsamen Freude über die bevorstehende Verbindung werden, wenngleich die eigentliche Eheschließung, separiert, häufig am Tage nach der Hennanacht, vollzogen wird.
In der Trennung von Eheschließung und Hennanacht findet sich ein Hinweis darauf, worauf an diesem Abend das Augenmerk gelegt ist. Dabei weist das Protokoll des traditionellen Tanzes, der ein bedeutender Bestandteil der Hennanacht ist, auch dem Brautpaar seine Rolle des Abends zu: Es läutet den Tanz ein, dann kommen die bereits verheirateten Paare beider Familien hinzu und schließlich steigen die Gäste in den Tanz mit ein – dieser Tanz erscheint als symbolische Familienzusammenführung unter Einbeziehung der Öffentlichkeit. Dieses Element ist allen anderen Punkten ebenfalls gemein: Es sind die Familien, die im Mittelpunkt stehen und sich und die gelungene Zusammenführung der Familien feiern – über das Brautpaar.
Aus ritualtheoretischer Perspektive verliert spätestens hier Arnold van Genneps Theorie der Übergangsriten ihre Aussagekraft. Ihre Fokussierung auf das Individuum, seine Unterwerfung unter die Phasen der Separation, der Liminalität (Schwellenzustand, in dem sich Individuen oder Gruppen befinden, nachdem sie sich rituell von der herrschenden Sozialordnung gelöst haben) und der Aggregation und der anschließende Statuswechsel ließen sich hier schlicht nicht nachweisen. Die hier stattfindende Sakralisierung des Kollektivs lässt vielmehr vermuten, dass womöglich eine funktionalistische Betrachtung des Rituals aus Perspektive der Durkheim-Schule einen fruchtbareren Rahmen bieten könnte. Emil Durkheim sah als wesentliches Kernelement der Religion ihre Funktion zur Stiftung gesellschaftlichen Zusammenhalts und gesellschaftlicher Identität. Inwieweit tatsächlich Identität in der Hennanacht gestiftet wird, müsste empirisch untersucht werden. Fest steht, dass sie in jedem Fall der Zementierung des familiären Zusammenhalts dient, indem der Kreis derer, die dazu gehören, vergrößert wird.
Wie sich feststellen lässt, existieren innerhalb der Ethnologie unterschiedliche Sichtweisen auf dieselben Phänomene. Diese schulen einen reflexiven Blick auf unterschiedlichste Strukturen und können damit eine Basis liefern, die es zulässt, breit angelegte Analysen gesellschaftlicher Zusammenhänge aus verschiedenen Perspektiven durchzuführen. Dabei liefert die Ethnologie Erkenntnisse, die das Verständnis für die Zusammenhänge fremd erscheinender kultureller Phänomene in unserer Gesellschaft fördern. Gleichzeitig kann mit „Wahrheiten“ aufgeräumt werden, die bislang für nicht hinterfragbar galten.
Dabei kann sich die moderne Ethnologie, wie jede andere Wissenschaft, nicht vom Irrtum lossprechen. Vielmehr sollte sie ihn als Bestandteil eines Prozesses begreifen, dessen Ziel es ist, unter Berücksichtigung von Thesen und Antithesen gültige Aussagen zu machen. Diese können dann eine Basis für einen aufgeklärten, interkulturellen Dialog fern einer hegemonialen Weltanschauung bereitstellen. Die Erkenntnisse wandeln sich dabei ebenso wie Kultur sich verändert – beide sind ein sich beständig erneuerndes Gebilde.
Hennanacht: In der Türkei hat die Henna-Nacht im Allgemeinen den folgenden Ablauf: Eine Nacht vor der Hochzeitsfeier treffen sich die Braut, die Verwandten und Freundinnen, um die Handflächen und Finger der Braut mit Henna zu färben. Da es sich um die letzte Nacht vor der Trauung handelt, soll sie – symbolisch - traurig sein. Daher werden eine Zeit lang traurige Lieder gesungen. Im Verlauf des Abends jedoch wird die Atmosphäre fröhlicher, den Gästen wird reichlich Essen serviert und der Abend wird in festlichem Kreise verbracht.
Autoren:
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Jürgen Graeff. Mittlerweile 26 studiert dieser Zeitgenosse nun wohl endgültig Ethnologie (9.FS) und Politikwissenschaft (5.FS) als einer der letzten Exoten jeweils als Hauptfach mit dem anvisierten Abschluss des Magister Artium. Da seltsamerweise nicht alle Wege nach Rom führen, stehen hier diverse, meist nicht länger als ein Semester währende Ausflüge, u.a. in die Romanistik, die Allgemeine Rhetorik, die Indologie und nicht zuletzt die Sinologie. Viel ist dabei nicht unbedingt mehr, doch auf jedenfall schön zu erzählen... |
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Roman Wettschereck studiert im 9. Semester Erziehungswissenschaft und Ethnologie.
Warum ich Ethnologie studiere? Ethnologie im Zusammenhang mit Erziehungswissenschaften zu studieren stellt für mich eine logische Ergänzung dar. So sind Bildungs- und Erziehungsfragen eng gekoppelt an den kulturellen Background eines jeden Menschen. Ethnologie als holistische Wissenschaft vom Menschen und seinen kulturellen Bezügen und Prägungen ist ein überaus wertvoller Zugang zu einem interkulturellen Verständnis von menschlichen Bedürfnissen und Bedingungszusammenhängen.
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Links:
Asien-Orient-Institut, Abteilung für Ethnologie |
www.uni-tuebingen.de/ethnologie
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