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"Lieber Herr Togtor..."
Die Korrespondenz von Dr. Eugen Bonomi. Ein Projekt am Forschungsbereich Zeitgeschichte des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen.
von Axel Habermehl
Der Themenbereich "Flucht und Vertreibung" wird in Deutschland – wie in anderen betroffenen Ländern übrigens auch - zumeist emotional diskutiert. Dies rührt vermutlich daher, dass das Thema einerseits vom Komplex Nationalsozialismus und dem von Nazi-Deutschland begonnenen verbrecherischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg nicht losgelöst debattiert werden kann. Andererseits muss es aber in eine längere Traditionslinie von Bevölkerungsverschiebungen zum Zwecke der ethnischen und nationalen Homogenisierung von Nationalstaaten eingeordnet werden, deren Ursprünge im 19. Jahrhundert liegen. Im Kontext der Idee von Nationalismus und Nationalstaat waren zwangsweise Verschiebungen von "unliebsamen" Minderheiten eine immer wieder angewandte Methode um ethnische/ nationale Homogenität der Bevölkerung und damit nationale "Erfüllung" zu erreichen.
Die öffentliche Debatte ist also vorwiegend eine emotionale und politisch polarisierte. Die einen wittern eine Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen durch die Anerkennung der Unmenschlichkeit von "Flucht und Vertreibung", andere wollen das angebliche Tabuthema (das es nie war) "endlich" ins kollektive Bewusstsein der Deutschen rücken.
Eine wichtige Rolle im wissenschaftlichen Aufarbeitungsprozess nehmen Historiker ein. Dabei wird die Erforschung der Politik- und Diplomatiegeschichte ebenso in den Blick genommen wie die Sozial-, Alltags- und Kulturgeschichte. Immer häufiger wird gefragt: "Was bedeuten Flucht und Vertreibung für die betroffenen Menschen?" Als schwierig erweist es sich für Forscher hierbei immer wieder, aussagekräftige Quellen in ausreichender Zahl zu finden. Die Befragung von Zeitzeugen birgt methodische Schwierigkeiten, außerdem wird es – je mehr Zeit vergeht – immer schwieriger, Betroffene zu befragen.
Im Forschungsbereich Zeitgeschichte des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen (IdGL), eines interdisziplinären Forschungsinstituts, das dem baden-württembergischen Innenministerium zugeordnet und mit der Uni Tübingen über eine Kooperationsvereinbarung verbunden ist, wird derzeit an einem Projekt gearbeitet, in dem Ego-Dokumente eine große Rolle spielen. Hierbei werden Briefe von Flüchtlingen und Vertriebenen untersucht und ausgewertet. Ziel ist es, anhand persönlicher Quellen Aussagen zum Verlauf und der Dauer des Eingliederungsprozesses von Flüchtlingen und Vertriebenen zu treffen. Konkret geht es um Teile der Korrespondenz des ungarndeutschen Volkskundlers Dr. Eugen Bonomi (1908-1978).
In Ego-Dokumenten kommt die Selbstwahrnehmung und Darstellung des historischen Subjekts in seinem Umfeld zum Ausdruck. Dies kann freiwillig, z.B. in Autobiographien, Briefen oder Tagebüchern, oder unfreiwillig, z.B. in Strafprozessakten, erfolgen.
Eugen Bonomi betrieb in Ungarn während der Zwischenkriegszeit Volkskunde, genauer im Ofner Bergland nahe Budapest. Er erforschte die Kultur, die Traditionen und Bräuche der deutschen Minderheit in Ungarn. Zu diesem Zweck war er auf "Gewährsleute" angewiesen, auf Menschen, die ihm zu seinem Forschungsgebiet als Quellen dienen bzw. ihn mit Informationen versorgen konnten. So entstanden durch Bonomis jahrelange Arbeit nicht nur eine umfangreiche Sammlung an Forschungsmaterial sondern auch zahlreiche persönliche Beziehungen zu den Menschen, die im Blickpunkt seiner wissenschaftlichen Forschungen standen.
1944 floh Bonomi vor der heranrückenden Roten Armee nach Österreich, von wo aus er 1945 nach Deutschland abgeschoben wurde. 1946 kam er nach Schwäbisch Gmünd; bis zu seinem Tod arbeitete er als Lehrer im baden-württembergischen Schorndorf. Bonomi war jedoch nicht der einzige "Volksdeutsche", der Ungarn verlassen musste. Ebenfalls bereits ab 1944 flohen Zehntausende in regelrechten "Flüchtlingstrecks" in Richtung Westen. Nach der Kapitulation Deutschlands wurde auf der Konferenz von Potsdam (1945) beschlossen, dem Wunsch des ungarischen Staats zu entsprechen und ihm zu erlauben, seine deutsche Minderheit nach Deutschland auszusiedeln. Dies geschah in mehreren Phasen zwischen 1946 und 1948. Insgesamt wurden rund 250.000 Menschen zwangsweise nach Deutschland verfrachtet. Die meisten landeten in der amerikanischen Besatzungszone, in Württemberg, Baden, Hessen und Bayern, ein Teil aber auch in Sachsen in der sowjetischen Besatzungszone. Die andere Hälfte der deutschen Minderheit verblieb in Ungarn.
Bereits 1946 versuchte Eugen Bonomi wieder Kontakt zu ehemaligen Gewährsleuten aufzunehmen. Über diverse Kanäle (Rotes Kreuz, einschlägige Presse, Mundpropaganda), über die der Nachrichtenaustausch damals funktionierte, gelang es ihm, etliche ihm bekannte Familien und Einzelpersonen aus dem Ofner Bergland wiederzufinden. Viele von ihnen lebten in seiner unmittelbaren Nähe in Baden und Württemberg. Bonomi, der nunmehr als Lehrer zeitlich eingeschränkt war, pflegte den Kontakt zu den wiedergefundenen "Landsleuten" fortan vor allem brieflich. Offenbar kam es aber auch weiterhin zu gelegentlichen persönlichen Treffen und Besuchen. Bonomi arbeitete "hobbymäßig" weiterhin als Volkskundler und benötigte Gewährsleute; es scheint aber auch, als habe Bonomi den persönlichen Kontakt weiter pflegen wollen. So entstand zwischen 1946 und 1978 ein Briefwechsel, der einige hundert Einzelstücke umfasst.
Die Briefe werden derzeit im IdGL bearbeitet. Zwei studentische Hilfskräfte sind seit mehreren Monaten damit beschäftigt, jeden Brief elektronisch zu erfassen. Dazu werden die äußeren Merkmale eines Briefes erfasst, der Inhalt transkribiert abgeschrieben und kommentiert. Dies ist häufig ein gar nicht so leichtes Unterfangen. Die Briefe sind – obwohl zumeist sehr gut erhalten – aufgrund ihres Alters häufig vergilbt und die Tinte verblasst. Es kommen bei der inhaltlichen Auswertung weitere Schwierigkeiten hinzu, die mit den jeweiligen Schreibern zusammenhängen. Der überwiegende Teil der deutschen Minderheit Ungarns war vor der Umsiedlung nach Deutschland in der Landwirtschaft tätig. Es handelte sich zumeist um Menschen mit einem geringen Bildungsniveau, deren deutsche Sprachkenntnisse durch die Magyarisierungspolitik des ungarischen Staates eingeschränkt waren. Dies wirkt sich natürlich nicht unbeträchtlich auf die Form der Briefe aus. Viele Sätze sind gespickt mit Rechtschreib- und Grammatikfehlern.
Unter Magyarisierung versteht man in der Geschichtsforschung das aktive staatliche Bestreben, die nichtmagyarische Bevölkerung des Königreichs Ungarn zu einem Teil der magyarischen Nation zu machen.
Man schrieb wie man sprach. Dies führt zu einer weiteren Schwierigkeit. Das mundartliche Deutsch, das die Ungarndeutschen sprachen, unterscheidet sich vom heutigen Hochdeutsch zum Teil erheblich. In den Briefen gehen Schriftdeutsch und ungarndeutsche Mundarten permanent ineinander über, gelegentlich sind Teile der Briefe ungarisch geschrieben. Viele ältere Briefschreiber schrieben in Fraktur, bei anderen ist die Handschrift überhaupt erst unter großen Mühen zu entschlüsseln.
Inhaltlich sind die Texte ebenso heterogen wie ihre Erscheinungsform. Kurze Weihnachts-, Geburtstags-, oder Ostergrüße auf einfachen Postkarten stehen neben langen persönlichen Briefen. Die Absender fragen ihren alten Vertrauten, den "lieben Herrn Togtor [Doktor]" um Rat, klagen ihm ihr Leid und berichten sehr eindrücklich von ihrer Situation in der "Neuen Heimat", vom Heimweh nach der "Alten Heimat" und übermitteln Nachrichten und Gerüchte, die immer wieder aus Ungarn nach Deutschland kamen.
An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass sich – trotz der anfangs von den Alliierten verfolgten strikten Assimilierungspolitik – die Eingliederung vieler Flüchtlinge und Vertriebener nur sehr langsam vollzog. Durch das ihnen häufig entgegengebrachte Misstrauen, die unterschiedlichen Traditionen (Küche, Kleidung, Religion) und die schwierige wirtschaftliche Lage, die viele "Neubürger" lange arbeitslos machte, wurde die Integration vieler Flüchtlinge und Vertriebener erschwert. So blieb man unter sich, pflegte alte Traditionen und Bräuche anstatt sich anzupassen. Hinzu kommt auch, dass die Ungarndeutschen – wie die anderen Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen - ihr Verweilen in Deutschland gar nicht als endgültig ansahen. Bis in die 50er Jahre gingen viele von einer baldigen Rückkehr in die "Heimat" aus bzw. strebten diese an. Erst als die Wirtschaft in Deutschland anzog, auch unter den Ungarndeutschen langsam bescheidener Wohlstand einzog und man aus Ungarn nur noch Schlechtes hörte, entschlossen sich viele dazu, sich mit einem dauerhaften Verbleib in Deutschland abzufinden.
Viele dieser Entwicklungen lassen sich – so scheint es zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Auswertung – aus den Briefen herauslesen. Es werden allerdings nicht alle Briefe gleich intensiv bearbeitet. In einem ersten Schritt werden zunächst nur vier bis fünf "Reihen" transkribiert, d.h. nur solche Briefe, bei denen ganze Serien vom selben Absender/ der selben Absenderfamilie über einen längeren Zeitraum vorhanden sind. Wenn die Bearbeitung der Quellen abgeschlossen ist, werden alle Informationen, die zu einer Absenderfamilie oder -person aus den Briefen erschlossen werden konnten, in einem Dossier zusammengefasst. Dies dient dazu, über Annoncen in Lokal- oder spezifischen Vertriebenenzeitungen möglicherweise auf Nachkommen oder gar Personen zu stoßen, die mit den Briefen direkt in Verbindung stehen. Eine Hoffnung dabei ist, möglicherweise "Gegenstücke" zu den vorhandenen Briefen, also Antworten von Eugen Bonomi an die betreffenden Personen ausfindig zu machen. Sollte dies gelingen, wäre der schriftliche Dialog komplett und noch vorhandene offene Fragen könnten möglicherweise beantwortet werden. Durch das Projekt wird die Erforschung der Lebenswelt der ungarndeutschen Flüchtlinge und Vertriebenen vorangetrieben und damit ein Beitrag zur Erforschung eines zentralen Kapitels deutscher Nachkriegsgeschichte geleistet: Der Integration von Millionen von "Fremden" in der sich konstituierenden Bundesrepublik.
Zum Institut
Das Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde wurde 1987 als eine dem Innenministerium Baden-Württemberg unmittelbar nachgeordnete Forschungseinrichtung in Tübingen gegründet. Seine Aufgabe ist es, die Geschichte, Landeskunde und Dialekte der deutschen Siedlungsgebiete in Südosteuropa sowie die zeitgeschichtlichen Fragen von Flucht, Vertreibung und Eingliederung der deutschen Heimatvertriebenen wissenschaftlich zu erforschen und zu dokumentieren. Mitarbeiter des Instituts führen entsprechende Lehrveranstaltungen an den Universitäten des Landes, vor allem an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen durch. Außerdem werden Publikationen herausgegeben und wissenschaftliche Tagungen durchgeführt.
Zum Weiterlesen:
Beer, Mathias: "die helfte hir und tie helfte zuhause". Die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn und ihre Eingliederung im geteilten Deutschland. In: Almai, Frank/ Fröschle, Ulrich (Hrsg.): Deutsche in Ungarn, Ungarn und Deutsche. Interdisziplinäre Zugänge. Dresden 2004, S. 37-69.
Bonomi, Eugen: Mein Briefwechsel mit heimatvertriebenen Deutschen aus dem Ofner Bergland/Ungarn. In: Württembergisches Jahrbuch für Volkskunde 5 (1961/64), S. 157-187.
Bonomi, Eugen: Mein Weg als Volkskundler. In: Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 8 (1964), S. 285-289.
Bundesvertriebenenministerium (Hrsg): Das Schicksal der Deutschen in Ungarn. (Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa; 2), bearbeitet von Schieder, Theodor u.a., Bonn 1956. Nachdruck München 1984, Augsburg 1995, München 2005.
Autor:
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NAMEAxel Habermehl, studiert im 9. Semester Neuere und Neueste Geschichte und Neuere Deutsche Literatur in Tübingen und arbeitet seit 2005 als Hilfskraft am Forschungsbereich Zeitgeschichte bei Dr. Mathias Beer. |
Links:
Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde|
www.idglbw.de
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